Atze Ossi & Tigeryouth in Hamburg, Makrele.

Foto: Maxe Probst.

Foto: Maxe Probst.

Samstag, 4. Februar: Kennt ihr auch diesen dauermüden Zustand? Ein idealer Nährboden für den inneren Schweinehund, das kann ich euch sagen. Für mich noch extremer, weil ich an diesem Tag bereits um 4 Uhr aufstehen musste, um langsam zur Arbeit aufzubrechen. Und abends noch ein Konzert? Wo man außerdem noch weiß: Am Sonntag muss ich ebenfalls um diese unchristliche Zeit aufstehen. Das hieß, dass mir nur ca. 3 Stunden Schlaf zwischen Konzertende und Arbeit blieben. Aber was soll ich sagen? Für Senore Matze Rossi & Tigeryouth muss man einfach Opfer bringen! Also machten wir uns gegen 20.15 Uhr auf den Weg. Von der Schanze bis zur Reeperbahn. „Leichte“ Kälte durchflutete unsere Körper. Ich persönlich mag den Winter. Nein, ich liebe ihn. Zumindest dann, wenn angemessen viel Schnee liegt und sich alles in eine wundervolle Winterlandschaft verwandelt. Der Schnee ließ leider etwas zu wünschen übrig, so blieb nur die Kälte.

Kurzer Abstecher zu einem Kiosk. Nunja. Vertrauenserweckend war das dort nicht gerade. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon, wie wir in einem plötzlich beginnenden Bandenkrieg verwickelt wurden. Aber es traf nicht ein. Wahrscheinlich, weil wir schnell das Weite suchten. Was uns aber auch fast nicht gelang, denn auf der Tür stand in nur millimetergroßen Buchstaben „Ziehen“ dran. Hätten wir nun gedrückt, hätten wir entscheidende Sekunden verloren. Remember: Bandenkrieg und so…

Mir ist erst später wieder aufgefallen, dass es Samstag war. Und wir auf dem Weg zur Reeperbahn. Menschen. Viele Menschen. Die meisten mussten am nächsten Tag natürlich nicht zur Arbeit und ließen sich ordentlich volllaufen, um am Montag bei den Kollegen mit ihren Wochenenderlebnissen anzugeben: „Ey, ich habe mich so volllaufen lassen! Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich getan habe! Aber es war geil!“ Wenn jemand so etwas erzählt, kommt mir nicht mehr als ein „Aha..“ über die Lippen. Vielleicht noch ein gähnen dazu, aber das war es auch.

Von weitem sahen wir schon die Makrele. Eine kleine Bar, welche sich in einer etwas ruhigeren Nebenstraße der Reeperbahn befindet. Matze Rossi und der Merchtyp waren gerade damit beschäftigt, sämtliche Dinge aus dem Auto in die Bar zu verfrachten.

Was uns etwas erstaunte war der Eintrittspreis. Lächerliche 5 Euro für zwei großartige Musiker? Das war echt geschenkt. Es hätte schon etwas mehr sein können. Ich meine: Für gute Musik greift man doch gerne noch tiefer in die Tasche, oder?

Rein in die gute Stube und sich von unzähligen Klamottenschichten befreit. Wir suchten uns einen Platz an der Bar. Meine müden Knochen machten sich bereits bemerkbar. Nicht nur die. Auch mein aktueller Gemütszustand, der sich seit Monaten unverändert zeigte. Es fällt mir wahnsinnig schwer, derzeit überhaupt die Bude zu verlassen. Außer natürlich, wenn es zur Arbeit geht oder schnell rüber zu Rewe, um die nötigsten Lebensmittel zu holen. Menschenansammlungen, kleine wie große, versuche ich zu vermeiden, weil ich es einfach nicht lange aushalte. Immer wieder das innerliche Gefühl die Flucht ergreifen zu wollen. Ein Teufelskreis. Nährboden. Innerer Schweinehund. Siehe oben.

Und während wir dort saßen und darauf warteten, dass Tigeryouth endlich loslegt, warfen wir einen Blick in das vorhandene Publikum. Und schon fielen uns 2 junge Männer ins Auge, die –leider- schon einiges an Alkohol getankt hatten. In Maßen ist das doch okay, aber warum immer gleich in Massen? Nein, das werde ich wohl nie verstehen können.

Jedenfalls war ich sehr gespannt auf Tigeryouth!

Tigeryouth. Foto: Maxe Probst

Es gibt ja Musiker, bei denen man nur einen Song zu hören braucht und sofort hin und weg ist. So war das auch bei Tigeryouth, als sich der Song „Gespielt“ in mein Ohr verirrte und in Kopf und Herz hingen blieb. Irgendwann habe ich mir dann gesagt: „Ich muss dem Typen jetzt mal eine Mail schreiben!“ Gesagt, getan. Etwas Schmeichelei , kurz darauf ein kleines Interview. Und zwischendurch kam die Nachricht: Matze Rossi spielt im Februar wieder in Hamburg. Als Support bringt er Tigeryouth mit. Die Freude war groß!

Lange hatte ich auf diesen Samstag hingefiebert.

Und da stand er nun auf der kleinen Bühne: Tigeryouth. Eigentlich ein unscheinbarer Typ: Glatze, Brille, Bart. Er könnte der nette Nachbar von nebenan sein.

Der erste Song: Vor Berlin. Diesen konnte man bisher auf keinen der downloadbaren Sachen finden, die im Netz rumgeistern. Nein, dieser Song wurde Ende Januar bei Soundcloud freigegeben- als Vorgeschmack für die Live-Platte, welche am 9. März das Licht der Welt erblicken wird. Und dieser Vorgeschmack lässt den Hunger darauf ins unermessliche steigen!

„Und jetzt wo du es weißt: Halt den Rand! Mach das Radio an & schweig.“

Mitreißend vom ersten Augenblick an. Die „leicht“ angetrunkenen Typen, die auf der linken Seite vor der Bühne standen, gaben ihr Bestes & unterstützten den Support lauthals beim Gesang. Da muss ich rückblickend schon sagen: Bei mir brach eine regelrechte Gänsehautwelle aus. Ob er nun die leiseren Töne anschlug, sich alles aus dem Körper schrie oder er mit dem Publikum eine Art „Wer ist lauter?“-Wettkampf durchführte. Der reinste Wahnsinn war das!
Ich weiß noch, dass er sich mit Tigeryouth vorstellen wollte. Er verhaspelte sich jedoch und meinte nur, dass er es selber nicht mal aussprechen könnte. Somit war auch das vom Tisch und es konnte weitergehen.

Vom „Feierabendbier“ über Robota“ bis zur „Standpauke vom Wirt“. Alles dabei, was das Herz begehrte. Was mir wieder auffiel: Seine Songs dauern selten länger als 2.20 Minuten. Zwar kurz, aber dennoch ziemliche Bretter. Texte, die dich packen, wachrütteln und zum Nachdenken animieren.

„Und wohin willst du gehen, wenn nichts mehr geht? Und kein jammern und beten hilft. Wenn alle gehen und keiner auf dich warten will?“

Was wirklich sehr niedlich war: Nachdem er einen Song beendete, erzählte er irgendetwas. Und kurze Zeit später fragten sich sicher fast alle im Publikum: „Warum geht denn jetzt der eine von den angetrunkenen Typen aus dem Publikum auf die Bühne?“ Genau das fragte ich mich nämlich auch! Aber die Antwort war einfach: Ein sehr langes Haar hatte sich in seinem Bart verfangen und wurde durch das Scheinwerferlicht gut in Szene gesetzt. Und dieses Haar entfernte der Typ (Entschuldigung, aber ich würde auch gerne den richtigen Namen verwenden, wenn ich den nur wüsste!) und Tigeryouth quitierte das nur mit: „Das ist ein wahrer Freund!“ Herrlich.

Der Auftritt war leider viel zu schnell vorbei, aber das Publikum war restlos begeistert!

Fliegender Wechsel: Von Tigeryouth zu Senore Matze Rossi. Während Matze alles auf der Bühne vorbereitete, wurde die Tür nach draußen aufgerissen. Und sie blieb offen. Für bestimmt 8 Minuten. Und da war sie wieder: Die kalte Luft. Ohne unzählige Klamottenschichten eine echte Qual. Wie war das noch gleich mit „Opfer bringen“?

Foto: Maxe Probst

Nach diesem Kälteschock war Matze endlich soweit! Er begann mit „Analog am Stück“. Und während er die ersten Textzeilen sang, überlegte ich, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Ich würde behaupten, dass das im Juni letzten Jahres war. In Köln und Münster, wenn ich mich richtig erinnere. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Und ich habe Matze vermisst. Wie er alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne steht. In seinem weißen Shirt, welches hier und da schon Löcher vorzeigt. Aber das ist nicht tragisch. Er trug andere Schuhe als gewöhnlich, was er auch nach einem Song anmerkte.

Auch Matze war begeistert von dem Auftritt von Tigeryouth und outete sich als Fan. Aber wer jetzt von wem der größere Fan ist… Darüber kann man spekulieren!

Rossi machte eine Ansage. Mein Hirn arbeitete: „Nein, das wird er jetzt doch nicht spielen? Wenn es das ist, was ich denke. Das kann er nicht machen! Wenn er es tatsächlich macht, breche ich bestimmt weinend zusammen. Bitte lass es ein anderes Lied sein…“

Nein, es war kein anderes Lied. Es war genau das, was mir ständig das Genick bricht. Und gerade jetzt in meiner derzeitigen Verfassung. Ich habe es bisher noch nie auf einem seiner Konzerte gehört, wo ich anwesend war. Ich meine: Ich liebe diesen Song. Andererseits…

Es gibt einfach Lieder, die einen packen, zu Boden schmeißen und zutreten. Bis man zusammengekrümmt am Boden liegt. Voller Schmerzen.
Er kündigte das Lied an und ich dachte: „Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder fluchtartig den Raum verlassen oder auf dem Platz zu bleiben, wo ich gerade bin.“ Ich entschied mich für letzteres. Rossi setzte an und da war sie: Die Anfangsmelodie von „Bald zu Hause“. Ein Kloß im Hals, das Herz schwer und meine Umgebung wurde durch einen leichten Schleier verhüllt.

„Wovon träumst du, wenn du wach bist? Wovon träumst du, wenn du schläfst? So ein Leben ist gefährlich und wer hält dich, wenn du fällst?“

Bäm! Eine Träne verließ das linke Auge.

Wie oft ich diesen Song gehört habe. Wie oft es mich zerfetzt hat. Live ist das nochmal eine ganz andere Nummer und es hat mich wahrlich aus den Socken gehauen. Es ist schon manchmal extrem, was einzelne Stücke „anrichten“ können. Im positiven Sinne.

Matze war an diesem Abend selbstverständlich wieder ohne Setlist unterwegs, was ich ja nach wie vor sehr gut finde. So wird es einfach nie langweilig- weder für das Publikum, noch für ihn. Bitte so beibehalten!

Er erzählte, dass vor dem Konzert zwei Mädels zu ihm kamen und sich den Song „Mein Freund und mein bester Feind“ wünschten. Nur leider kann er sich nie wirklich den Text merken und so hat er diesen schlauerweise auf seine Gitarre geklebt, damit er sich wenigstens nicht ganz verzettelt. Irgendwo war dennoch ein kleiner Patzer dabei, aber was solls! Das ist ein Matze Rossi- Konzert. Wer Perfektion sucht, ist fehl am Platz!

„Das Mädchen, die Rettung der Welt und ich“. Beim letzten Teil, als er folgendes sang:
„Vielleicht hab ich es vermasselt. Ich bin wirklich kein Held! Immer wieder würde ich mich für das Mädchen entscheiden und wer anders kommt und rettet die Welt!“ Und sein Vorschlag war Tigeryouth, den er noch eben schnell am Ende des Textes einbaute.

Tigeryouth schaute sich das alles von ganz vorne an. Mittig. So stand er meistens mit einem breiten Grinsen vor der Bühne. Oder sang mit. Oder beides.

Auch das Publikum war Textsicher: Ob bei „Alles Gute“, „Das ist für die Lieblingslieder“ oder „Ich: Idiot auf meinem Hügel“.

Lauf, Schildkröte! Lauf!“ Ein Song, der mich ebenfalls schon öfters traf und verletzt zurück ließ. Wenn man die CD im Player hat kann man immerhin noch auf Stop drücken, wenn man es nicht aushält. Aber bei einem Konzert? Da kann man nicht einfach reinrufen und sagen: „Nein, hör auf! Ich kann das momentan nicht hören, weil sonst alles komplett zusammenbricht!“ Für die einen ist es nur ein Song. Für andere ist es aber mehr als das.

Das Publikum hing an seinen Lippen. Die letzten Songs wurden gesungen und mit einem verdienten Applaus wurde er verabschiedet. Wie gut das einfach war. Balsam für die Seele! Und an dieser Stelle wünschte sich wahrscheinlich jeder in diesem Raum, dass er öfters nach Hamburg kommen würde, um seine wirren Ansagen, Songs & Geschichten vorzutragen. (Weitere Bilder von diesem Abend: Da! Video: Tigeryouth und Matze.)

Ich würde Matze manchmal so viel sagen wollen. Was mir seine Musik bedeutet. Wie oft sie mich schon gerettet hat. Das Problem an der Sache ist: Wenn man diesem Mann gegenüber steht, geht nichts mehr. Deswegen musste eine Nachricht herhalten, die ich ihm am nächsten Tag übermittelte:

Matze.

Ich wollte mich bedanken.

Für deine Songs, die mir besonders im letzten halben Jahr immer wieder den Arsch gerettet haben.

Wenn man ganz unten festsitzt. Minute für Minute. Stunde für Stunde. Tag für Tag. Woche für Woche. Wenn man für nichts mehr zu gebrauchen ist. Außer auf der Arbeit, wo man aber nur noch irgendwie funktioniert. Wenn man an freien Tagen nicht mal mehr aus dem Bett kommt. Nach Feierabend ganz zu schweigen. Wenn selbst der normale Gang zum Supermarkt um die Ecke zur Qual wird, weil man einfach keine anderen Menschen ertragen kann.
Wenn man sein allerliebstes Hobby fast ganz aufgibt: Konzerte & Blogarbeit.

Was bleibt da noch?

Die Musik. Die Alben. Die Songs.

Deine Songs. Sie schmerzen. Treffen den wunden Punkt. Helfen.
Wie sehr musste ich mich gestern zusammenreißen. Allein bei dem Song “Bald zu Hause”. Rausrennen oder bleiben? Ich entschied mich für zweiteres. & kämpfte mit den Tränen.

Den Kampf habe ich um ein Haar verloren.

Ich nehme mir immer vor: “Wenn Matze vor mir steht, dann sage ich ihm so viele Dinge. Wie wichtig mir seine Songs sind.”
Aber wie es so ist: Es kommt kein Wort raus. Weil eben dieser Mann vor einem steht, der diese Texte geschrieben hat. & man zu ihm aufblickt.

Deswegen auf diesem Wege.

Vielen Dank, Matze.

Für das retten eines Lebens. Vieler Leben.

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