Atze Ossi in Leipzig, Lala Studio.

2Ich hatte Sehnsucht. Sehnsucht nach Matze Rossi. Nach seinen Songs. Nach der ganz besonderen Atmosphäre, die jedes seiner Konzerte umgibt. Als ich von Tobi hörte, dass er dem Lala Studio am 1. Juni einen Besuch abstatten würde, war für mich sofort klar: Da muss ich hin!

Matze Rossi in Wohnzimmeratmosphäre- das hat man nun auch nicht jeden Tag. Karte bestellt. Nummer 1 von 35. Schwierig wurde es dann Wochen vorher: The Gaslight Anthem spielten nämlich am 1. Juni in Bremen. Von Hamburg nur einen Katzensprung entfernt. Und diese Band hat ebenfalls einen großen Platz in meinem Herzen vereinnahmt. So überlegte ich: Zu Matze nach Leipzig oder doch nach Bremen zu The Gaslight Anthem?

Ja, diese Entscheidung fiel mir relativ schwer, ehrlich gesagt. Diese innerliche Zerrissenheit. Aber irgendwann dachte ich mir: Gaslight sehe ich eine Woche später dann in Kiel. Also ab zu Matze! Denn wie er auch so schön feststellte: „Du hast doch schon die Karte gekauft!“ Wo er recht hat…

Der 1. Juni war da. Mein neunter Arbeitstag war um 14 Uhr pünktlich vorbei. Gott sei Dank, denn um 15 Uhr fuhr bereits mein Zug nach Leipzig ab. Im IC versuchte ich über drei Stunden lang, nicht vor Müdigkeit einzuschlafen. Was aber nur teilweise gelang.

Angekommen in Leipzig. Zum Hostel. Tasche aufs Bett geschmissen. Und nach über einer Stunde musste ich das Zimmer wieder verlassen, um mit der Straßenbahn einige Minuten durch die Gegend zu gondeln. So, wo ist nun dieses Studio? Es war eine doch eher verlassene Gegend. Zumindest kam es mir in diesem Moment so vor. Ich hätte auf jeden Fall keine Person um Rat fragen können. Die Straße war wie leergefegt. Gut, wozu hat man ein schlaues Handy, welches einem den richtigen Weg zeigt? Und nach einigen Metern sah ich einen Anhaltspunkt: Auf dem Bürgersteig wurde mit blauer Kreide die Richtung zum Veranstaltungsort gewiesen. Meine Rettung!

Vor einem unscheinbaren Gebäude standen und saßen einige Leute. Unterhielten sich, tranken Bier. Und was hatte ich sofort im Ohr? Genau: Die dreckige Lache von Tigeryouth! Dieser Herr saß zusammen mit Matze vor dem Studio rum. Kurze Begrüßung. Und dazugesetzt. Später trat ein junger Herr aus der Tür: Tobi. Der Herr des Hauses. Leicht verpeilt kam er rüber. Sorgte für einige Lacher. Sympathischer Kerl. Kann man nicht anders sagen.

Der Aufnahmeraum: Hinten rechts stand ein Sofa. In der linken Ecke machte sich der Merchtyp breit. Die meisten saßen auf dem Boden, um es in vollen Zügen genießen zu können. Ich zog lieber einen Stehplatz auf der rechten Seite vor, auch wenn mich Tigeryouth zum Sitzen animieren wollte. Aber ich weiß, dass ich nicht lange rumsitzen kann. Schon gar nicht, wenn die Konzertdauer ungewiss ist. Denn irgendwann wird es für mich nur noch unbequem. Außerdem wären mir wahrscheinlich sonst auch die Augen zugefallen.

Hinter mir direkt die Tür. Der Raum war gut gefüllt. Bevor Matze anfing, platzierte er noch seine eigene Kamera, um alles festzuhalten. Zumindest das Publikum. Ein Kameramann hielt sich extra noch bereit, um doch profihafte Aufnahmen von diesem Abend zu machen.

Matze begrüßte uns alle recht herzlich und bedankte sich, dass so viele Leute gekommen sind. Er meinte auch gleich am Anfang, dass er sehr nervös wäre wegen der ganzen Mikrofone um ihn herum.

„Analog am Stück“ als erster Song. Hach, da war er wieder: Matze Rossi. Umgeben von glücklichen Menschen, Mikrofonen, Kameras & einem nagelneuen Lichterschlauch.

Best of der Aussagen, Teil 1:

„Ich muss hier nur so aufpassen: Ich habe hier so einen Strich. Wie bei einem Supermodel oder so. Keine Ahnung. Da muss man immer gucken, dass man nicht irgendwo runterfällt. Hier muss ich aufpassen, dass ich nicht in die Mikrofone crashe.“

Endlich, ENDLICH! wurden seine Ansagen (und spätere Patzer) aufgenommen! Und das in einer sehr guten Qualität. Wie lange habe ich darauf bitte gewartet? Viel zu lange!

Auch an diesem Abend hatte er keine Setlist. Vergessen, wie er meinte. Also wurde gespielt, auf was er gerade Lust hatte und was ihm einfiel. Aber genau das ist ja das spannende dabei!

„Endlich in Farbe“ folgte.

Was mich etwas nervte: Zwischen den Songs gab es immer ein hin und her. Wenn Leute auf die Toilette mussten oder nur raus zum Rauchen wollten. Tür auf. Tür zu. Tür auf. Tür zu. Das sollte man einfach besser regeln in der Zukunft. Dass man vielleicht sagt: Okay, nach 30 oder 40 Minuten gibt es eine Pause und da kann man alles erledigen, was eben gerade ansteht. Aber das nur als kleiner Kritikpunkt am Rande. Wahrscheinlich ist es mir auch mehr aufgefallen, weil sich die Tür in unmittelbarer Nähe befand.

Irgendwann hielt es Tigeryouth nicht mehr auf dem Boden aus und stellte sich auf meine linke Seite. Was wunderbar war, denn:

Erstens mag ich diesen herzlichen Typen sehr sehr gerne.

Zweitens sang er mit und so stand ich da: Im linken Ohr hatte ich Tigeryouth, im rechten Matze Rossi. Gänsehautfeeling. Und das mehrmals. Für mich war das dann eher ein Doppelkonzert. Und ich genoss es.

„Das ist für die Lieblingslieder“. Wie sehr dieser Text ins Schwarze trifft. Das ist unglaublich.

„Musik ist der wärmste Mantel und bringt mich rein und durch und raus.“

Best of der Aussagen, Teil 2:

Tigeryouth: „Mal alle aufstehen. Dann können die Leute auch mitsingen!“
Matze: „Ihr wollt alle aufstehen?“
Publikum: „Nein!“
Matze: „Aber mitsingen ist gut. Dann täuscht es später auch drüber hinweg, wenn ich den Text vergessen sollte.“

„Balsam“, der Tagtraum-Klassiker folgte. Mitsingen klappte einwandfrei.

„Beste Waffe“. Da schnürte es mir wieder etwas die Kehle zu. Zusammenreißen war angesagt. Aber das ist ja alles bekanntlich leichter gesagt als getan.

Ein Blick ins Publikum: Mitwippende Füße. Glänzende Augen. Zufriedene Gesichter. Irgendwie zog ich Parallelen in die Kindheit. In die Weihnachtszeit. Wenn man auf den verkleideten (meist verwandten) Weihnachtsmann wartete. Voller Vorfreude. Hibbelig ist. Und dann steht er vor einem: Mit einem Sack voller Geschenke und man guckt diesem Mann mit großen und glänzenden Augen an. Und erwartet Großes. Das Herz macht Freudensprünge. Bei jedem Geschenk, was überreicht und ausgepackt werden darf.

Matze ist der Weihnachtsmann. Und die Lieder sind seine Geschenke an uns. Die für immer bleiben werden. Danke, Matze!

„Lasst euch niemals etwas nehmen in eurem Leben.“ Wenn das doch auch mal so einfach wäre, wie er das so daher sagte. Und da passierte es auch schon: Ein Patzer folgte! Denn er schmiss eine Textzeile durcheinander und kam so ins Stolpern.

“Voll verkackt, ne?” Ja, Matze. Aber mit Stil! Und das kann auch nicht jeder.

Es wurde immer wärmer in diesem Raum. Aber mir machte das nicht sonderlich viel aus, da ich solche Temperaturen auch von der Arbeit her kenne und es dementsprechend gut aushalten konnte. Tobi schaltete sich irgendwann von der „Regie“ ein, wo er zusammen mit Dave die Fäden in der Hand hielt, und meinte, dass man auch kurz eine Pause machen und durchlüften könnte. Aber da verneinte Matze und wollte weiter machen. Ohne Rücksicht auf Verluste!

„Was haben wir dazu gelernt“. Ein neueres Stück, welches ich auch sehr mag.

„Manchmal komme ich mir vor wie eine hilflose Schachfigur. In den Händen eines riesengroßen Vollidioten.“

„Alles Gute (kommt von innen)“. Mit sympathischen Patzern. Aber das Publikum half tatkräftig mit, um das Lied sicher in den Hafen zu bringen. Gelungen!

Best of Aussagen, Teil 4:

„Ihr merkt, dass ihr noch mehr mitsingen müsst. Ich bin ja bekannt dafür, dass ich es immer verkack! Wie peinlich das ist, dass das jetzt dokumentiert wird.“

Auf die Frage, was er denn jetzt spielen könnte, wurde „Bald zu Hause“ eingeworfen. Und ich dachte mir nur: „Nein. Nein! Bitte nicht! Nicht heute! Tu mir das nicht an!“

Er tat es mir an. Das innerliche Zusammenbrechen, als er die ersten Zeilen sang. Alles um mich herum wurde immer verschwommener. Wie mir dieser Song immer und immer wieder das Genick bricht. Es ist eine wahre Hassliebe. Der Song ist unfassbar gut und gehört zu meinen Lieblingsliedern. Auf der anderen Seite kann ich ihn meistens nicht ertragen, weil es einfach wahnsinnig schmerzt. Allein diese Anfangsmelodie jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich konzentrierte mich darauf, dass die angestauten Tränen nicht den Bunker verließen. Was mir auch fast gelang. Innerlich war mir zum Aufbrechen zumute. Umdrehen und schnell rausrennen an die frische Luft. Aber ich hielt es aus. Irgendwie.

Best of Aussagen, Teil 5, 6 & 7:

„Kennt ihr die Pixies? Eine Band, die mich so maßgeblich beeinflusst hat. Im Positiven wie im Negativen Sinn. Ich habe viele Stunden auf/während/nach Partys auf der Kloschüssel verbracht, während im Hintergrund „Where is my mind“ lief.“

„Jeder im Leben braucht einen Elefanten. Im übertragenen Sinne gemeint. Die Elefanten sollen schon bleiben, wo sie wohnen. Eigentlich.“

„Ein Lied, bei dem ich immer sehr viel Atem brauche. Aber der Atem ist heute knapp… Weil ihr so heiß seid! Oder vielleicht ist es auch der Schlauch, der so ausgiftet. Ich weiß auch nicht! Die haben den heute extra neu gekauft und das ist dann ja immer so giftig.“

Einer aus dem Publikum: „Vom Asiamarkt?“

Matze: „Nee, von Obi. Aber ich glaube, dass das mittlerweile auch alles Asiamarkt ist!“

Auch für solche Aussagen liebe ich Matze einfach. Punkt. Das nächste Mal will ich bitte Popcorn haben! Welches man sich neben der genialen Unterhaltung reinschmeißen kann.

Er spielte zwei nagelneue Songs. Eines mit dem Titel „S.O.M.M.E.R“, das andere “Und jetzt Licht, bitte”, welches mir besser gefiel. Allein schon vom Text her. Es hatte mich sofort gepackt. Liebe auf dem ersten Hören, wenn man so will.

„Ich bin noch so viel mehr als mein Verstand. Ich wunder mich oft selber darüber, wie ich so verloren gehen kann.“

Dann kam wieder die Frage: Was wird als nächstes gespielt? Jemand meinte „Von Holzschwertern“. Dieser Song ist ganz ganz groß. Aber der funktioniert auch nur im kleinen Rahmen. Wenn das Publikum still und aufmerksam ist. Und nicht nebenbei quatscht. Deswegen passte er gut in dieses Studio. Zu diesem Abend. Um alles perfekt abzurunden.

Es funktionierte tadellos. Es war so ruhig, als er es spielte, dass mich eine wahre Gänsehautwelle überkam. Man wollte schon nicht mehr atmen, weil man angst hatte, dass man dadurch diesen unbeschreiblichen Moment zerstören könnte.

Best of Aussagen, Teil 8 & 9:

„Ist es schlimm, wenn ich vorher nicht immer auf dem Strich stand? Fucking hell…“

„Verdammt. Gegen das Mikrofon gestoßen. Eine Regel im Studio: Niemals an Mikrofone stoßen! Sven hat mich schon sooft verprügelt, wenn ich im Studio etwas umgerannt habe.“

Das Konzert neigte sich nach guten 1 ½ Stunden dem Ende entgegen. In diesem doch schon saunaähnlichen Raum sah man bei fast jedem Besucher eine kleine Schweißperle.

Dieses Konzert gehört wohl mit zu den besten Rossikonzerten, die ich bisher erleben durfte. Es war eine reine Berg- und Talfahrt: Es wurde gelacht. Zum Nachdenken animiert. Die Tränen notdürftig versteckt. Mitgesungen. Genossen. Alles wurde regelrecht aufgesogen und gespeichert. Für immer. Und diese Erinnerungen kann einen wirklich niemand mehr nehmen!

Nach dem Konzert schmiss ich mich noch eine Runde in den gemütlichen Sessel, der quasi am Einlass platziert wurde. Aufstehen fiel schwer. So kam es, dass ich auch erst kurz vor 2 Uhr den Ort des Geschehens verließ und mit Against me! im Ohr durch die Straßen von Leipzig lief, um erschöpft ins Bett zu fallen.

Vielen Dank an Matze für das wirklich sehr schöne Konzert! An Tobi und Dave für die Nudeln und das gemeinsame rumgammeln! Und danke an Tigeryouth. Einfach dafür, dass du da warst. Aber über diesen Hip Hop- Quatsch müssen wir noch mal reden…

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